Auf Reiseflughöhe mit xPropaganda | Das Bett, Frankfurt
Als ich xPropaganda das letzte Mal live gesehen habe, kam mir ein Gedanke: Wenn Claudia Brücken und Susanne Freytag noch ein weiteres Album als Nachfolger von The Heart Is Strange veröffentlichen würden, idealerweise erneut produziert von Stephen Lipson, und die nächste Tour dann in einer etwas größeren Halle stattfinden würde, dann könnte das richtig gut werden.
Ob es tatsächlich noch ein weiteres Studioalbum geben wird, weiß ich bis heute nicht. Den zweiten Teil dieser Überlegung haben die beiden inzwischen aber bereits erfüllt: Die aktuelle Tour führte sie immerhin in die nächstgrößere Spielstätte.

Ob diese Tour wirklich „Best Of Propaganda & More“ hieß weiß ich nicht, stand aber jedenfalls so auf meinem Ticket und auch in verschiedenen Ankündigungen wurde dieser Titel verwendet. Das spielt sicherlich keine große Rolle, aber ich wollte es der Vollständigkeit halber festhalten. Falls irgendwann in vielen Jahren jemand fragt, wie die Tour damals hieß, dann habe ich es zumindest notiert.
Der Titel klingt zwar ein wenig nach einer klassischen Best-Of- oder sogar Coverband-Tour, aber das wird dem Abend eigentlich nicht gerecht. Der Sonic Seducer hatte es mit „Propaganda-Kultalben A Secret Wish & The Heart Is Strange live!“ deutlich treffender formuliert.
Für mich war das Konzert ein ausgesprochen angenehmer Jahresabschluss. Im Vergleich zu Nine Inch Nails mit ihrem brachialen Sound oder auch zu Linkin Park war das hier ein echter Kontrast. Auch deshalb wollte ich diesen Abend erleben. Es ging weniger um Wucht und Lautstärke als um Atmosphäre, Melodien und die vielen kleinen Details in den Songs. Dadurch wirkte alles angenehm entspannt und gleichzeitig sehr souverän. Genau das machte diesen Abend für mich zum perfekten Ausklang eines großartigen Konzertjahres, dieser Abend fühlte sich wie eine kleine Verschnaufpause an. Nicht weniger interessant, einfach auf eine ganz andere Art.
Die beiden Sängerinnen auf der Bühne strahlten eine bemerkenswerte Gelassenheit aus. Rein äußerlich und mit ihrer souveränen Präsenz hätten sie ebenso gut als Flugbegleiterinnen durchgehen können. Und seien wir ehrlich: Flugbegleiterinnen wirken immer so, als hätten sie alles unter Kontrolle, selbst wenn um sie herum das totale Chaos ausbrechen würde. Dieses Gefühl vermittelten Claudia Brücken und Susanne Freytag an diesem Abend auch, sie führten das Publikum mit ruhiger Hand durch das Programm.
Musikalisch setzte sich die Setlist aus Songs von Propagandas A Secret Wish und xPropagandas The Heart Is Strange zusammen. Dabei wechselten sich die Stücke der beiden Alben über weite Strecken beinahe ab. Über etwa 90 Minuten entstand so fast eine Zeitreise zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Für mich war dabei bemerkenswert, wie nahtlos die Songs trotz der unterschiedlichen Entstehungszeiten miteinander harmonierten.
Dass die Setlist so geschlossen und stimmig wirkte, lag für mich auch an der Produktion des neueren Materials durch Stephen Lipson. Gerade auf dem Album The Heart Is Strange waren die immer wieder deutlich hörbaren Art-of-Noise-Anklänge präsent. Sie schlugen eine interessante klangliche Brücke zwischen den beiden Alben und trugen ihren Teil dazu bei, dass die Songs trotz ihres unterschiedlichen Alters so gut zusammenpassten. Dazu kam Susanne Freytags charakteristischer Sprechgesang, der den Songs eine ganz eigene Note verleiht und für mich bis heute zu den markantesten Elementen von Propaganda / xPropaganda gehört.
Und weil wir gerade beim Thema sind, hier nun auch die Setlist, die mich durch diese rund 90 sehr angenehmen Minuten begleitet hat: The Night / Chasing Utopia / The Murder of Love / Sorry for Laughing (Josef K cover) / Don’t (You Mess With Me) / Frozen Faces / Beauty Is Truth / Dream Within A Dream / The Chase / Only Human / Dr. Mabuse / The Wolves Are Returning / p:Machinery / Ribbons Of Steel // Encore: Disziplin (Throbbing Gristle cover) / Duel

Und auch diesmal blieben xPropaganda ihrer Linie treu: Vom Album „1234“ war nichts zu hören. Ehrlich gesagt halte ich das für die richtige Entscheidung. Bis auf die Gastauftritte von Susanne Freytag auf zwei Songs hat das Album nach meinem Empfinden nur wenig mit der ursprünglichen Propaganda-Besetzung zu tun. Deshalb passt es für mich gut, dass sich der Abend ganz auf „A Secret Wish“ und „The Heart Is Strange“ konzentrierte.
Dieser Abend bot keine riesigen Überraschungen und keine Momente, die alles zuvor Gesehene in den Schatten stellten. Aber das sollte und musste er auch gar nicht. Stattdessen erlebte ich ein Konzert, das sehr genau wusste, was es sein wollte: professionell, stilsicher und mit viel Gespür für die eigenen Stärken.
An mehreren Stellen fühlte ich mich unweigerlich an die frühen Tage von Erasure und Nitzer Ebb erinnert. Natürlich haben Nitzer Ebb stilistisch so gut wie nichts mit xPropaganda gemeinsam, und auch musikalisch liegen zwischen den Bands Welten. Dennoch drängte sich mir dieser Vergleich auf. Auch sie spielten damals mit gerade einmal zwei veröffentlichten Alben im Gepäck in vergleichsweise kleinen Hallen wie dem Frankfurter Volksbildungsheim. Ich hatte das Glück, sowohl Erasure als auch Nitzer Ebb dort live erleben zu können.
Das Frankfurter Volksbildungsheim existiert heute längst nicht mehr, lebt aber in den Erinnerungen vieler Frankfurter Konzertgänger sicherlich weiter. An diesem Abend musste ich jedenfalls mehr als einmal daran denken.
Kurzum: ein entspanntes, charmantes, angenehm unaufgeregtes Konzert — genau das richtige musikalische Ausklingenlassen eines Jahres, das an anderer Stelle genug Lautstärke geliefert hat.

Vielleicht war das auch einer der Gedanken, die ich an diesem Abend zum wiederholten Male mit nach Hause genommen habe. Während die Ticketpreise vieler großer Produktionen mittlerweile astronomische Höhen erreichen, sind es oft gerade die Künstlerinnen und Künstler, die weiterhin durch kleinere Hallen touren, ihr Publikum aus nächster Nähe suchen und sich jede Bühne neu erarbeiten, die besondere Unterstützung verdienen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie einen wichtigen Teil der lebendigen Konzertkultur ausmachen.
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